...und alles beenden...

Dass ich anfing zu schweigen kam nicht von heute auf morgen.

 

Ich glaube ich fange an, über mein Schweigen zu erzählen, wie es dazu kam, dass ich nicht mehr reden wollte...

Es war mein 12. Geburtstag. Als ich aufwachte, war ich allein daheim. Innerlich begann ich zu jubeln: Endlich einmal allein daheim!!! Kein Vater daheim, der eine bedrückende Stimmung auf alles legt, genauso schwer wie er selbst.

Aber Geburtstag allein daheim verbringen? Niemals!

Ich weiß nicht mehr, welcher Wochentag es war, aber ich ging nicht in die Schule. Allerdings hat das gar nicht szu heißen, schon "damals" ging ich nicht wirklich regelmäßig in die Schule.

Jedenfalls hatte ich mich an dem Tag entschlossen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Endlich was zu ändern. Von einer 12Jährigen erwartet man sowas normal nicht, aber das Kindsein war für mich schon seit einiger Zeit vorbei, und Jugendliche konnte ich auch nie sein.

Ich überlegte, wo ich mit meinen Veränderungen anfangen sollte. Zur Polizei gehen? Mit einem Erwachsenen reden? Mit wem? 

Ich entschied mich, dass meine Gruppenleiterin mir bestimmt helfen würde. Ihr vertraute ich. Also ging ich zu ihr, und wir saßen da und tranken erstmal Tee. Ich wollte so bald wie möglich alles erzählen, auch wenn ich mich dafür schämte. Die Leiterin sprach jedoch nach meiner Erzählung lange auf mich ein, ich solle solche Geschichten nicht erzählen, das sei etwas ganz furchtbares, mein Vater würde so etwas doch nie machen. Sie hat mir nie geglaubt.

Danach wollte ich schon niemandem mehr davon erzählen. Ich erklärte es für mich wieder zum Tabu-Thema. Der Tag war damit auch für mich gelaufen. Was sonst hätte ich verändern wollen? Mir viel nichts ein.

Unverrichteter Dinge kehrte ich nach hause zurück.

Im nächsten Jahr versuchte ich noch öfters jemandem davon zu erzählen. Entweder schaffte ich es nicht, oder mir wurde nicht geglaubt. Meine eigene Mutter glaubte mir nicht!

Als ich an meinem 13.Geburtstag noch einmal mit meiner Mutter darüber reden wollte, setzte sie mich grob ins Auto und fuhr los. Ich weiß nicht wo sie hin wollte, wir kamen nie an unserem Ziel an. Unterwegs dachte ich nach, ob es überhaupt noch einen Sinn hatte zu reden. Die ganze Fahrt schwieg ich, so sehr mich meine Mutter auch anschrie. Irgendwann sagte sie: "Wenn du jetzt nicht endlich die Wahrheit sagst, mir sagst, dass du alles erfunden hast, dann stürze ich uns beide im Auto von der nächsten Brücke."

Zur nächsten Brücke kam sie nicht, sie fuhr zu schnell in eine enge Kurve und verlor die Kontrolle. Absicht oder nicht, das spielt heute keine Rolle mehr. Wir stürzten einen Hang runter und das Auto überschlug sich mehrmals.

Ich bin im Krankenhaus aufgewacht, man sagte mir, dass meine Mutter tot sei. Mein Vater schrie mich an, ich sei doch an allem Schuld. Und ich selbst gab mir auch die Schuld. Hätte ich geschwiegen, wie es bereits meine Gruppenleiterin wollte, wäre meine Mutter noch am Leben. Da sie wegen meinen Worten starb, beschloss ich nie wieder ein Wort zu sagen.

Sie schickten mich in eine Psychiatrie, wo ich fast 2 Jahre verbrachte, aber nie auch nur ein Wort gesagt habe. 

 

Desshalb schweige ich. Okay, ich will damit ja aufhören.

Ich mache ja auch Fortschritte: An meinem Geburtstag war meine kleine Schwester zu besuch. Ich bin mittlerweile in einem betreuten Wohnheim. Naja, jedenfalls kam meine Schwester mich besuchen. Ich hab zwar nicht viel gesagt, aber zumindest Tschüss.

Ihr hättet ihren Blick sehen sollen, so süß...  Die kleine ist übrigens 13Jahre alt. genauso alt war ich als ich anfing zu schweigen... Ihr soll so etwas niemal passieren... Wenn doch, dann bringe ich die verantwortlichen sofort selbst um.

Man darf eigentlich über nichts schweigen, besonders nicht, wenn es ein Verbrechen betrifft und man selbst das Opfer ist. Dann am allerwenigsten. Ich weiß selbst, wie schwer es ist, über solche Dinge zu reden, und womöglich auch noch Anzeige zu erstatten, aber es ist das beste, was man tun kann!

Brecht das Schweigen, und beendet das Verbrechen!

Ich breche mein Schweigen auch demnächst... das verspreche ich euch!

 

ST 

3.2.09 16:50, kommentieren

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Das Schweigen brechen...

Dieser Blog soll einfach erstmal dazu dienen, den ersten Schritt zu wagen: Mein Schweigen zu brechen.

 Zwar werde ich am Anfang noch nichts wirklich dazu schreiben können, aber allein das Wissen, dass ich hier jederzeit mir etwas von der Seele schreiben kann, ist gut.

Wenn manche Leute ankommen und sagen, dass man über manche Sachen reden muss, aber selbst über nichts reden. Oder wenn manche einfach nicht verstehen, dass man über manches nicht reden kann. Ich glaube, letzten Endes waren sie es, die mich dazu gebracht haben, dass ich nicht mehr rede.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich rede nicht mehr. Ich sage kein Wort. An meinem 13. Geburtstag, heute vor 5Jahren, habe ich aufgehört zu reden. Manche denken, ich hätte einfach so aufgehört zu reden. Aber die kennen mein Leben nicht.

 Andere denken, das hätte mit dem Unfall zu tun, den meine Mutter an dem Tag hatte. Teilweise liegen sie richtig. Aber auch nur teilweise.

Ich habe es satt, dass die Leute rätseln warum ich schweige, anstatt es einfach zu akzeptieren. Sie sagen, ich könne nicht ewig schweigen. Bisher ging es ganz gut. Klar, ich muss irgendwann wieder reden, aber den Zeitpunkt bestimme ich. Genauso wie ich mein Leben bestimme, nicht sie.

Ab heute bin ich endlich frei, ich kann tun und lassen was ich will. Ich muss nur mit den Konsequenzen leben.

 

Alles Gute an alle die Heute auch Geburtstag haben

ST 

1 Kommentar 1.2.09 13:02, kommentieren